Über Bindung und Vertrauen
Sehr viele Neuwelpenbesitzer, oft gerade jene, die noch nie einen Hund hatten, machen es instinktiv richtig. Sie fühlen sich in so einen kleinen Hund hinein und ganz von selbst greifen sie zu den richtigen Mitteln, um eine gute Bindung und vor allem Vetrauen beim Welpen zu wecken.
Andere wiederum erwarten von einem kleinen Welpen, daß er ganz einfach “funktioniert” und sich bestens in ein vorgefertigtes System und einen geplanten Tagesablauf einfügen lassen müsste. Das wiederum geht sehr oft schief, richtig schief.
Deshalb hier einige prinzipielle Gedankengänge.
Wie sieht das Ganze für den Welpen aus?
Man muß es einmal von der Warte des kleinen Hundchens aus betrachten, um zu verstehen, was bei einer Welpenübernahme alles für ihn seelisch und psychisch passiert.
Da kommen, je nach Abgabezeitpunkt, völlig fremde Menschen, zu denen er weder eine Bindung aufgebaut hat, noch ein Vertrauen, entreissen ihn seinem bisher sicheren Heim, seiner vertrauten Umgebung, der Mutter und den Geschwistern, stecken ihn in ein Auto oder gar einen Zug, fahren lange und für ihn unbequem durch die Gegend. Dann wird er in ein Haus oder eine Wohnung gebracht, die nicht sein Revier sind, die er nicht kennt, wo es für ihn völlig fremd riecht und dort soll er nun bleiben, nächtigen und leben.
Für den Welpen in der freien Natur ist eine solche Situation tödlich. Für ein Wolfsjunges oder einen Dingowelpen, der sein Rudel “verliert”, bedeutet ein solcher Verlust an Sicherheit stets den Tod, durch Verhungern oder durch andere größere Raubtiere. Auch einem Hundewelpen, egal wie lange wir den Haushund domestiziert haben, entsteht durch seinen Umzug größte Verunsicherung und einen Totalverlust an allen vorherigen Bindungen, das Resultat ist Streß und Unsicherheit. In der freien Wildbahn verlassen ausschließlich die männlichen Welpen das Rudel und das erst nachdem sie geschlechtsreif geworden sind, also weit später, als wir üblicherweise Welpen abgeben! Er hat also - ganz einfach - Angst davor, nun sterben zu müssen, denn für ihn ist noch niemand “da”, der ihn nun schützt, ihm Sicherheit bietet, ihn nährt und versorgt.
Hinzu können zusätzliche Streßmomente kommen, wie zum Beispiel ungewohnte Dinge in der Umgebung, ungewohnte Anforderungen, ungewohnte Kommandos, neue oder laute Umweltreize. Alles Dinge mit denen der Hund in dieser Situation überfordert ist, die ihm zumindest jedoch noch weiteren Streß bereiten. Je nachdem ob dieser Welpe nun ein eher sensibler oder ein derber Typ ist, verarbeitet er diesen Streß schnell oder langsam.
Vertrauen und Bindung
Hat man sich nun vor Augen gehalten, wie eine solche Welpenabgabe für den Welpen aussieht, dann ist klar, daß der neue Besitzer als Allererstes versuchen muß, möglichst rasch und intensiv Vertrauen in sich aufzubauen. Bevor dieses Vertrauen nicht vorhanden ist, der Welpe also deutlich zeigt, daß er dem neuen Halter zutraut, ihn zu versorgen und zu verteidigen, darf dieses sich zart aufbauende Vertrauen keinesfalls in Frage gestellt oder erschüttert werden. Dies trifft umso mehr zu, je sensibler der kleine Hund ist.
Parallel mit dem Vertrauen muß auch erst einmal eine Bindung zwischen Welpen und Besitzer geschaffen werden. Bindung ist etwas anderes als Vertrauen, allerdings ermöglicht erst das Vertrauen in den neuen Halter auch eine echte Bindung. Der Welpe muß lernen, daß er dem neuen Besitzer “zugehörig” ist, daß dieser nun sein neues Rudel darstellt und bei diesem Prozeß gehen die Schritte durchaus von beiden Seiten aus.
Wie man es anstellt
Nun kommen wir zum wichtigen Teil und zu dem was sich jeder Neubesitzer sicher schon fragt: Wie mache ich das?
Zuerst einmal ist es ungeheuer wichtig, den Streßlevel gering zu halten.
Für einen Welpen ist bereits der Umzug an sich, die fehlende Bindung an ein Rudel und das noch fehlende Vertrauen in den Besitzer richtig massiver Streß. Das ist ein so grober Einschnitt, daß so mancher kleine Hund daran ungeheuer zu verdauen hat.
Schon auf der Fahrt vom Züchter sollte der Welpe Körperkontakt mit dem neuen Besitzer erhalten. Man sollte einen Welpen also am Besten zu zweit abholen, dann kann der eine fahren, während ihn der andere auf den Schoß nimmt oder sich zumindest neben den Welpen setzt und ihn beruhigend streicheln und mit ihm reden kann. Ideal ist es, wenn der Welpe zusätzlich in Riechweite einen Gegenstand aus dem alten Heim hat, das beruhigt zusätzlich.
Man sollte zuhause angekommen neue Umweltreize erst einmal einschränken, also weder große Spaziergänge machen, noch jede Menge Verwandte und Bekannte einladen, die den neuen Hund bestaunen sollen, noch den Welpen absichtlich mit vielen Dingen konfrontieren, die er noch nicht kennt. Für ihn ist bereits das neue Haus/die neue Wohnung völlig unbekanntes Terrain, er versucht gerade sich auf die neuen Halter einzustellen, er lernt erst wo es in dem neuen Heim Futter gibt, was die hausinternen Geräusche bedeuten usw..
Für die erste Woche, manchmal sogar für die ersten 10-14 Tage reicht es also völlig, den Welpen in Ruhe sein neues Zuhause erkunden zu lassen, ihm zu zeigen, wo er seine Geschäfte erledigen kann, dies am besten nahe bei und immer am selben Ort, einen geregelten Tagesablauf zu etablieren, so daß er beginnt zu begreifen, daß Futter stets zur selben Zeit an stets demselben Ort für ihn zuverlässig bereitsteht und zur Beschäftigung, aber auch zum Aufbau der Bindung mit dem Welpen zu spielen. Der Welpe wird selbst zeigen, wann er Lust darauf bekommt, mehr und Neues kennenzulernen.
Die Sache mit dem Schlafplatz
Es gibt eine einfache Verhaltensweise, die Welpen in einem Rudel zeigt, daß sie in diesem Rudel sicher sind und nicht bedroht werden: das sogenannte Kontaktliegen. Wird einem neuen Hund im Rudel gestattet mit den anderen Rudelmitgliedern in Körperkontakt zu schlafen, dann ist das für Hunde das Signal, daß sie vom Rudel akzeptiert und aufgenommen wurden.
Hier machen es meistens die Kinder instinktiv richtig, die den neuen Hund abends mit ins Bett nehmen wollen, zumindest jedoch stundenweise mit ihm zusammengekuschelt dösen.
Erwachsene tun sich damit weit schwerer, aber auch ihnen sollte es einsichtig sein, daß nach einem derartigen Bruch mit dem alten, sicheren Leben, es für einen Welpen wie die maximale Verstoßung vorkommen muß, wenn er im neuen Zuhause ohne jede Gesellschaft irgendwo in ein dunkles, völlig fremdes Zimmer gepackt wird und dann allein gelassen wird. Ein sensibler Welpe erleidet in solcher Situation Todesängste.
Zumindest in den der Abholung folgenden 1-2 Wochen sollte man einen neuen Welpen also auf gar keinen Fall nachts allein lassen, nicht einmal, um auszuprobieren ob er es aushält oder nicht. Ganz generell müssen Abwesenheiten vom Halter ganz langsam und bewußt aufgebaut werden um Verlust- und Trennungsängste zu vermeiden, das sogar schon tagsüber.
Je nach eigener Einstellung erlaubt man dem Welpen also entweder, von vorneherein mit im Bett zu schlafen, oder man stellt ein warmes weiches Hundebett neben das Bett und läßt die Hand zum Welpen herunterhängen, damit er beim Einschlafen weiß, daß das neue Herrchen oder Frauchen für ihn da ist, oder man stellt das Hundebett gleich an den Ort, an den es später soll, und legt sich auf einer Liege, Matratze oder Sofa zum Welpen dazu. Man sollte dem Welpen in letzterem Fall schon wenigstens 10-14 Tage gönnen, bis man anfängt sich nach und nach zurückzuziehen, erst für ein paar Stunden, dann die halbe Nacht und schließlich die ganze Nacht.
Es läßt sich nicht überbetonen, wie wichtig gerade diese Sache ist. Denn sie schafft erst das Urvertrauen des Welpen in seinen neuen Besitzer. Hält man sich vor Augen, daß man Abwesenheit am Tage (!) bei jungen Hunden mit minutenweisen, klitzekleinen Abwesenheiten im nächsten Raum beginnt zu trainieren, dann sollte es glasklar sein, wie sehr es einen Welpen erschüttern kann, wenn er gleich zu Anfang, frisch aus seinem alten Rudel “ausgestossen” beim neuen Rudel auch gleich wieder ausgestossen wird! Nicht einmal 5 Minuten Alleinsein sollte man den Welpen nachts zu Anfang zumuten.
Bindung schaffen im Rudel weiterhin gemeinsames Spielen und später auch gemeinsames Jagen. Auch dies läßt sich teils sehr problemlos umsetzen, das Spielen ohnehin, und später kann man zusammen draußen mit dem Welpen “jagen” gehen.
Ebenfalls sehr wichtig: den Welpen körperlich und psychisch nicht zu überfordern. Man sollte die Ratschläge des Züchters beachten, wie lange ein Welpe zuerst einmal spazierengehen darf. In den ersten 7-14 Tagen sollten sich die Spaziergänge ohnehin darauf beschränken, das nächstgelegene Plätzchen aufzusuchen, an dem sich der Welpe lösen soll und es damit gut sein zu lassen. Fängt der Welpe von sich aus (!) an, die Umgebung erkunden zu wollen, kann man mit kleineren Spaziergängen in ruhigerer Umgebung beginnen.
Es sollte beachtet werden, wo der Welpe herkommt, und wo er hingekommen ist. Ein “Landei”, das plötzlich in die Stadt verfrachtet wird, wird selbst wenn es schon auf dem Dorf Autos zu sehen bekommen hat, vom Stadtverkehr wie erschlagen sein. Diesen sollte man ihm erst zeigen, wenn er sich schon gut eingewöhnt hat und da auch langsam, Stück um Stück. Ein Stadtwelpe hingegen wird mit Rindviechern auf der Koppel oder weidenden Schafherden restlos überfordert sein. Auch so etwas sollte der “Stadtwelpe” erst nach und nach und vor allem erst nachdem er Vertrauen in seinen Besitzer hat kennenlernen.
Konfrontiert man den Welpen nämlich zu früh mit zu viel, entsteht ein klassischer “sensual Overload”, eine psychische Überfrachtung, die auf der Unsicherheit des Umzugs aufbauend die Angst stetig bis zur Panik steigern kann.
Auch hier machen es viele Neulinge instinktiv richtig, sie beruhigen den Welpen und führen ihn erst dann an Neues heran, wenn sie merken, daß sie ihm dabei gezielt den Rücken stärken können.
Man rechnet zudem je Lebenswoche 1 Minute Gassizeit, ein 8 Wochen alter Welpe also 8 Minuten, ein 18 Wochen alter Welpe 18 Minuten. Zusätzlich sollte man zu Anfang wiegesagt eher weniger als mehr machen, solange der Welpe nicht eingewöhnt ist.
Ein Wort zur Stubenreinheit an dieser Stelle. Es kann den Welpen auch in seiner sich aufbauenden Bindung und seinem Vertrauen erschüttern, wenn er - für ihn grundlos - von seinem neuen Besitzer getadelt wird. Ganz schlimm ist dabei, wenn er - wie noch vielfach in alten Büchern empfohlen - “geschüttelt” wird, wenn er sich im Haus löst. Für die meisten Welpen ist es eine Überwindung, sich in fremder Umgebung zu lösen. Selbst bereits weitgehend stubenreine Welpen können in einer neuen Umgebung wieder unsauber werden, weil sie die Wohnung für als wesentlich sicherer zum Lösen halten. Statt da zu tadeln oder gar den Welpen “totzuschütteln”, sollte man sich - sobald er sich draußen gelöst hat - geradezu überschwenglich zeigen und in den höchsten Tönen loben, als ob er das goldene Ei gelegt hat. Macht er es drinnen, entfernt man das Unglück kommentarlos und ohne den Welpen eines Blickes oder Wortes zu würdigen. Den Zusammenhang wird er dann sehr schnell begreifen.
Generell gilt für jedes weitergehende Training, daß es in den ersten 10-14 Tagen bestenfalls spielerisch erfolgen darf und dem Ausbildungsstand des Welpen angepaßt sein muß. Man kann also einen Welpen spielerisch mit dem Begriff “Sitz” konfrontieren, indem man ihm ein Leckerli so hoch hält, daß er sich automatisch setzen muß, um es im Blick zu haben, dazu sagt man dann “Sitz”, lobt den Welpen und reicht ihm das Lecker. Ebenfalls mit Leckerli in der Jackentasche oder der Hand kann man dem Welpen zeigen, auf welcher Seite er zu gehen hat, führt man ihn an der Leine. Für alle weiterreichenden Dinge wie Platz, Bei Fuß, Bring usw. ist noch genug Zeit, wenn der Welpe sich heimisch fühlt!
In den so wichtigen ersten Tagen im neuen Heim ist der Welpe nämlich bereits enorm am Lernen, ohne daß uns das wirklich bewußt ist: er lernt mit der neuen Situation und Umgebung umzugehen. An ihm da massiv herumzuerziehen ist dann ganz einfach eine extreme psychische Überforderung!
Wie man es nicht macht
Klassische Fehler sind:
- den Welpen einfach alleine zu lassen, insbesondere nachts
- den Welpen zu schnell zu vielen neuen Eindrücken aussetzen
- den Welpen zu oft und zu lange auszuführen
- Dinge voraussetzen, die der Welpe noch gar nicht kann bzw. wissen kann
- den Welpen zu trainieren, bevor er ein Grundvertrauen aufgebaut hat
- den Welpen in Angstsituationen bringen, bevor er Grundvertrauen aufgebaut hat
- den Welpen für Unsauberkeit zu tadeln oder körperlich zu strafen
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